Berg-Eule

Schlappis Erinnerungen 2


Meine Familie hatte ein neues Auto, das mir besonders gut gefiel, da gab es Sitzbänke und sogar ein Bett – sie nannten es Wohnmobil.




Ob sie erraten hatten, dass ich gern mitfahren wollte? Auf der ersten Probefahrt durfte ich dabei sein, sie besuchten Bekannte. Ich lag am liebsten gleich hinter der Scheibe, wo man nach vorne hinausschauen kann, da war viel Platz für mich.




(8.8.98 )

Weil ich so gerne Auto fuhr, dürfte ich mit auf die Jungfernfahrt, sagte meine Familie. War das Wohnmobil ein Familienmitglied? Jedenfalls "hörte" es auf den Namen Moby.

Ich freute mich, dass sie mich mitnahmen, aber ich dachte nicht, dass die Fahrt so lang sein würde, es war auch ziemlich heiß. Endlich stellten sie den Moby auf einer Wiese ab, wo schon andere ähnliche Fahrzeuge standen. Sie machten die Tür auf, aber ich traute mich nicht hinaus, das war ja eine mir völlig unbekannte Umgebung, völlig unbekannte Gerüche und Geräusche!


Sie warteten eine Weile, dann nahmen sie mich auf den Arm und trugen mich hinaus, aber ich wehrte mich mit allen vier Pfoten und versuchte, wieder hinein zu kommen. Sie probierten es immer wieder, machten sogar die Tür zu, nachdem sie mich hinausgetragen hatten. Da bekam ich Panik und verkroch mich unter dem Moby auf irgendwelche Stangen.


Vor Angst hatte ich keinen Appetit, mein Herz schlug wild. Kamen da Erinnerungen auf? Wurde ich schon einmal mit einem Auto in eine unbekannte Gegend gebracht? Vielleicht dort allein gelassen? Ich weiß es nicht mehr, ich weiß ja auch nicht mehr, wie ich zum Amselweg gekommen war. Vielleicht kam meine Angst daher.


Meine Familie ließ mich dann drinnen bleiben, da war ich zufrieden, ich schlief bei Gabriele, wollte meiner Familie ganz nahe sein.

Meine ewige Katzengefährtin kennt die Geschichte längst auswendig, aber sie hört mich immer wieder gerne erzählen. Diesmal jedoch unterbricht sie mich und will nun mir etwas erzählen. Sie meint, diesen Teil der Geschichte könne sie mir aus der Sicht meiner Familie berichten – und nun höre ich ihr andächtig zu, denn so habe ich es noch nicht betrachtet:


Deine Familie hatte zwar vor dir, geliebter Schlappi, noch keine Katze - es fehlte ihr also an Erfahrung - aber sie haben dich nicht ohne vorherige Überlegungen mitgenommen. Diese Fahrt sollte nämlich die Generalprobe für ihren Sommerurlaub werden. Im Vorjahr hatten sie dich daheim gelassen, da warst du sauer und bist abgehauen. Diesmal wollten sie dich mitnehmen.


Sie hatten sich vorher bei anderen Familien erkundigt, die ihre Katzen im Wohnmobil mitnahmen. Die hatten ihnen versichert, Camping sei kein Problem für eine Katze. Sie würde sich erst in kleinen, dann immer größeren Kreisen um "ihr" Wohnmobil bewegen und problemlos zurückfinden. Außerdem hatten sie für die ersten Ausflüge eine Leine dabei. Aber du wolltest ja absolut nicht hinaus. Allerdings nur bei Tag!

Nachts um halb drei Uhr allerdings fingst du an, jämmerlich zu maunzen – alle wachten auf. Du kratztest an den Fliegengittern von Fenstern und Tür, deine Familie hatte Mühe, dich davon abzuhalten, sie zu zerreißen. Da du absolut keine Ruhe gabst, ließen sie dich hinaus. Sie dachten, in der Nacht hättest du wohl keine Angst mehr, und es würde sich nun alles einspielen. Du marschiertest unter das nächste Wohnmobil, und nach einiger Beobachtung ging deine Familie wieder schlafen.


Doch am Morgen kamst du nicht zurück. Es wurde ein schlimmer Tag für deine Familie, sie suchten, lockten, riefen – vergeblich. Sie waren alle vier ganz traurig und konnten das Wochenende gar nicht genießen, saßen nur trübsinnig herum oder gingen dich suchen.

Am späten Abend suchten sie nochmals vergeblich, bis zum weit entfernten Dorf und zum Wald. Eigentlich hätten sie jetzt heimfahren müssen, denn am anderen Tag musste der große Zweibeiner wieder ins Geschäft. Sie beschlossen jedoch, die Nacht noch abzuwarten, aber kein Schlappi kam. Sie überlegten, wo sie Zettel aufhängen oder was sie sonst noch unternehmen könnten.

Am Montag früh um 6 Uhr mussten sie losfahren. Franz schlug einen letzten Rundgang vor, plötzlich sah er dich: Etwa 50 Schritte vom Moby entfernt lagst du in der Wiese wie ein Osterhase. Franz und Gabriele gingen langsam auf dich zu und riefen dich leise. Als sie schon nahe bei dir waren, machtest du einen Satz und jagtest in großen Sprüngen ins Gebüsch.


Gabriele holte schnell Janne und Elli, die mit Franz in die Sträucher eindrangen, sie ging auf der anderen Seite und schüttelte die Knabberle-Dose. Es war ja noch sehr früh am Tag, die anderen Camper schliefen noch, sie mussten also ziemlich leise sein. Nach langem Suchen entdeckte dich Elli im dichtesten Gestrüpp. Sie hockte sich hin und lockte immer wieder – zögerlich kamst du heraus, bekamst sofort wieder Angst auf ihrem Arm. Mit Mühe brachte sie dich zum Moby, wo du dir erst einmal den Bauch vollschlugst.

Deine Familie war fix und fertig vor Aufregung und Erleichterung. Sie hatten schon beschlossen, ihren Urlaub, der kurz darauf beginnen sollte, statt wie geplant in Frankreich auf diesem Campingplatz zu verbringen, um ihren heiß geliebten Kater wiederzufinden.


Die Heimfahrt hast du zusammen mit Elli und Janne verpennt. Als Gabriele am Nachmittag im Moby zu tun hatte, kamst du gleich wieder herein und hast drinnen geschlafen, als wäre nichts geschehen.



Daraufhin kaufte Gabriele eine Auszugleine mit Glöckchen und Adressanhänger sowie einen Transportkorb. Im Urlaub durftest du ihnen nicht noch einmal verloren gehen!


(Urlaub im Wohnmobil in Frankreich, August 98 )

Meine ewige Gefährtin hat mir eine ganz neue Sichtweise dieses Probeurlaubs verschafft, deshalb war ich auch einverstanden, ihr noch einen Teil meiner Geschichte zu überlassen. Sie erzählt ihn so, wie Gabriele ihn in ihr Reisetagebuch geschrieben hat. Das hat wohl meine Gefährtin gelesen – also war auch sie heimlich auf der Erde!


Also nun lassen wir Gabriele sprechen:


Während der Fahrt gab es kein Problem, auf dem ersten Campingplatz führten wir Schlappi zweimal an der Leine spazieren. In der Nacht wurde er gegen vier Uhr unruhig, benutzte geräuschvoll sein Klo, legte sich schließlich wie eine Krone um meinen Kopf und schlief wieder – im Gegensatz zu mir.

Am nächsten Tag wollte er nicht draußen bleiben, auch nicht im Transportkorb oder mit der Leine.


An einem See ließ er sich spazieren führen. Nachts zur selben Zeit dasselbe Spiel. Nach einer ruhig verbrachten Nacht begann er in der nächsten, sich gegen Morgen stundenlang geräuschvoll zu putzen.


Leider ist es tagsüber manchmal sehr heiß im Moby. Aber der Herr will ja nicht hinaus, nachts dagegen geistert er herum. Einmal machte er so viel Terror, dass ihn Franz nachts an der Leine spazierenführte. Wir lassen ihn nicht mehr allein laufen.


Einmal wäre er in der Nacht fast zum Alkovenfenster hinaus gesprungen. Aber tagsüber kann alles sperrangelweit offen stehen: Er setzt keine Pfote vor die Tür!




In der Camargue gab zwar Schlappi nachts Ruhe, dafür plagten uns die Schnaken. Am zweiten Abend begegnete er auf dem Spaziergang einem Winzling von Hund: Schlappi hat furchtbar geknurrt - nicht der Hund!


In dieser Nacht wollte Schlappi unbedingt hinaus. Er versuchte, überall zu kratzen. Aber wegen der nächtlichen Schnaken musste er drinnen bleiben. Dafür ging er – oh Wunder - am nächsten Morgen freiwillig hinaus! Natürlich an der Leine.


Auf dem nächsten Campingplatz machte Schlappi nachts eine Stunde lang Terror, in der nächsten Nacht wollte er etwas zu fressen...

Danach ließ er sich abends wieder einmal an der Leine ausführen und war nachts recht friedlich. Am nächsten Tag hielt er sich sogar länger draußen auf. Dieser Campingplatz war gegen Ende der Saison recht ruhig, wir hatten keine Nachbarn und Hunde waren verboten, so war unser Kater sehr tapfer.

Danach gab er nachts wieder seine übliche Vorstellung. Trotzdem traute er sich am nächsten Tag wieder hinaus, anscheinend gefiel es ihm hier. Beim Abendspaziergang trank er sogar aus dem See.

Die letzte Nacht am See, bevor wir Richtung Norden aufbrechen wollten, war fast so aufregend wie der Probeurlaub. Im Moby war es ziemlich warm, daher machte Janne in der Nacht ein Alkovenfenster auf, das Fliegengitter war zu. Zur üblichen Zeit gegen Morgen wurde Schlappi wieder sehr unruhig, marschierte hin und her, maunzte, sprang mal rauf, mal runter.


Plötzlich hörte ich ihn irgendwo kratzen, machte Licht, sah ihn aber nicht. Franz meinte, er sei bei den Kids im Alkoven. Ich rüttelte Elli - bis sie wach und handlungsfähig war, sah sie nur noch seinen Schwanz: Er hatte das Fliegennetz zur Seite gedrängt und war zum Alkovenfenster hinaus gesprungen!

Wir kamen nicht auf die Idee, dass wir durch die Türen des Fahrerraums schneller draußen gewesen wären, sondern entfernten erst die Polsterteile vor der Einstiegstür, die wir jeden Abend dort aufbauten, damit Schlappi nicht an der Fliegentür kratzen konnte. Dann suchte ich noch die Helmlampe. Wir waren schlaftrunken, konfus, erschrocken.

Franz war als erster draußen, er ging um den Moby herum und zum Glück hatte er Schlappi gleich entdeckt und auch gepackt, der wohl von dem recht hohen Sprung ins Unbekannte noch geschockt war. Unser Kleiner hätte nicht einmal den Gurt mit Glöckchen und Adresse umgehabt, den machten wir nachts immer ab.


Und wir hätten diesmal nicht länger bleiben können, es war die unwiderruflich letzte Nacht in Frankreich, weil wir noch nach Bielefeld mussten, wo Franz beruflich einen Kurs gebucht hatte. Wir waren alle unglaublich erleichtert und wollten uns nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Schlappi tatsächlich ausgerissen wäre. Wir schliefen nicht mehr sehr gut, zumal unser Katerlein noch lange herumgeisterte.

Auf der Fahrt nach Norden mussten wir gut auf Schlappi aufpassen, er versuchte ständig auszubüxen. Nachts maunzte er und wanderte, wir schliefen kaum. In Norddeutschland regnete es in Strömen, so hatte Schlappi offensichtlich keine Sehnsucht nach draußen, wir konnten durchschlafen. Dann ließ er sich wieder einmal am Tag spazieren führen und war in der Nacht recht ruhig.


Kaum kamen wir zu Hause an und ließen Schlappi in den Garten, wurden wir von der schwarzen Nachbarskatze begrüßt. Schlappi fauchte sie nicht wie sonst an, er war wohl nach all den aufregenden Abenteuern noch etwas desorientiert und kapierte nicht gleich, dass er sich wieder auf seinem eigenen Territorium befand. Vorsichtshalber hielt Mohrle trotzdem respektvoll Abstand.


Die erste Nacht zu Hause verbrachte Schlappi am Beifahrersitz im Moby, wir hatten aus Versehen ein Fenster offengelassen. Vermutlich dachte er, wir führen am nächsten Tag weiter, wie es ja im Urlaub meist war.


Er benutzte sofort wieder die Türklappe und seinen Fressplatz. Aber er irrte im Haus herum, wegen des Regens war er kaum draußen. Erst am Nachmittag fand er auf dem Sofa Ruhe.

(Dez/Jan 99)

Von jetzt an werde ich, Schlappi, wieder selbst erzählen.


In diesem Winter betätigte ich mich als Detektiv. Ich stellte nämlich fest, dass die beiden Mädels ohne Wissen der Eltern zwei Mäuse hatten. Wie konnten die Kids nur glauben, sie könnten das vor meiner Spürnase verheimlichen??? Mäuse rieche ich zehn Kilometer gegen den Wind!


Das Problem war nur, dies den erwachsenen Zweibeinern mitzuteilen.

Sie haben ja so einen schlechten Geruchssinn! Wochenlang merkten sie nichts. Ein komischer Geruch im Kinderzimmer fiel Gabriele schon auf, aber sie konnte ihn nicht zuordnen.


Ich setzte mich immer wieder vor das Schränkchen, wo die Mädels das Transportkörbchen der Mäuse versteckt hatten – sie nahmen die Tiere nämlich mit in die Schule! Endlich fiel es Gabriele auf, dass ich immer so auffällig an dem Schränkchen schnüffelte, und so kam die Geschichte heraus.



Die Mäuse bekamen dann einen Käfig, für mich war das ein interessanter Fernseher! Manchmal durften sie auch frei im Zimmer laufen. Als Beute interessierten sie mich nicht, da waren mir die wilden Wiesenmäuse lieber als dieses degenerierte Getier.

 

(Feb. 99 )

Trotzdem ich im Sommer so viel Theater und Aufregung veranstaltet hatte, durfte ich wieder im Moby mitfahren. Diesmal ging es nur für ein Wochenende ins Fichtelgebirge. Die weiblichen Zweibeiner schnallten sich je zwei Bretter unter die Füße und marschierten in die weiße Landschaft.


Das weiße Zeugs kannte ich ja schon, aber hier gab es Unmengen davon. Gleich nach der Ankunft trug mich Gabriele mit Leine hinaus und setzte mich auf einen hohen weißen Berg: Ich versank bis über beide Ohren. Da hatte ich so die Schnauze voll davon, dass ich beleidigt war und nachts durchschlief. Tagsüber machte ich es mir mit Franz im Moby bequem, er kochte feine Sachen, während die anderen draußen waren.

Ich kann gar nicht begreifen, wie man bei der Kälte in dem weißen Zeugs herumstiefeln mag!



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